konkret und ergebnisoffen

Einmal hat Franziska Harnisch eine Flasche zu Wasser gelassen - darin gesammelter Hausstaub und Fusseln. Eine Flaschenpost mit schwer bestimmbarem Inhalt, für den Empfänger mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu entschlüsseln, eben dieser Empfänger mit ebenso hoher Unwahrscheinlichkeit zu ermitteln. Die Abfahrt der Flasche ist dokumentiert, was danach aus ihr wurde, weiß man nicht. In dieser Arbeit spiegelt sich ganz grundsätzlich, aber besonders radikal das Vorgehen der Künstlerin: Codierung, Interaktion, Experiment.

 

Harnisch sucht und findet. Material ihrer Inszenierungen sind Gebrauchtmöbel, Avocadokerne, Handys, Nutella, Lippenstift oder Einweck-Gummis. ihr Pinsel ist der Open Call. Ihr Arbeitsvorhaben ist stets konkret, aber ergebnisoffen - ähnlich dem eines Landschaftsmalers, der plein air seine Staffelei aufstellt. Dass dieser etwas sehen wird, was den Weg auf die Leinwand finden wird, ist sicher, ungewiss jedoch, was er abbilden wird. Nur, dass Harnisch sich nicht mit der Darstellung von Küstenlandschaften oder Kirchtürmen beschäftigt, sondern die gesellschaftlichen und politischen Ebenen abbildet und zwar, indem sie sie durch die Handlungen anderer Menschen vor dem Hintergrund des urbanen, sozialen und digitalen Raums sichtbar werden lässt.

 

In ihrer jüngsten Arbeit lässt Harnisch andere Künstler die visuelle Erscheinungsform ihres Projekts füllen: Im vierteiligen Ausstellungsprojekt The Other Cite geben poetische Versatzstücke aus ihrem eigenen Archiv von Fundstücken den Ton vor, den per Open Call ermittelte Künstler mit einer jeweils eigenen Arbeit bespielen. Mit diesem mutigen Akt des Verzichts auf die eigene visuelle Handschrift bringt Harnisch eine Auswahl von Künstlern zusammen, zwischen denen nur durch ihren persönlichen, absichtsfrei formulierten Aufruf jener Ankerpunkt in Zeit und Raum gesetzt wurde. Auf diese Weise entstand ein ebenso zufälliges wie repräsentatives Bild Berliner Kunstschaffens und ihres eigenen Netzwerkes darin. (Julia Brodauf, Künstlerin, 2017)