​Harnisch ist der Familienname folgender Person:

Franziska Harnisch (*1986), deutsche Künstlerin

 

– Über den künstlerischen Ansatz Franziska Harnischs

“[...] Denkweise[n], [...] wie auch die des common sense [eine] ist, [gehen] mit der Neigung einher [...], die Aktivitäten oder die Vorlieben, die für bestimmte Individuen oder Gruppen einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt kennzeichnend sind, als substantielle, ein für allemal in irgendeinem biologischen oder - was auch nicht besser ist - kulturellen Wesen angelegte Merkmale zu behandeln, auch beim Vergleich nun nicht mehr zwischen verschiedenen Gesellschaften, sondern zwischen aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten derselben Gesellschaft.”1

 

 

Das Aufstellen, Aufzeigen und Aufbrechen von Regeln sind wiederkehrende Motive in den künstlerischen Projekten von Franziska Harnisch. Durch den Einsatz von vergemeinschaftenden Methoden, die sie von demokratischen Praktiken wie dem Open Call, der Auktion, dem Spiel, Losverfahren, aber auch anderen interaktiven Spielarten der Unterhaltungsindustrie ableitet, stellt sich ihr “künstlerischer Antrieb” als ein aufklärender und vermittelnder dar (siehe: Impulsive Likekultur, was kann ich für sie tun, STAND / Kunstauflösung, u.a.). Die Konzeption ihrer Arbeiten suggeriert, dass Harnisch stets Wert darauf legt, die Rezipientinnen und Rezipienten als aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzubeziehen, um so das erfahrungsbasierte Reflektieren und Lernen zu steigern. Das schafft sie, indem sie mitunter absurde Situationen erzeugt, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Gegebenheiten ihrer Lebenswelt konfrontieren, wodurch - gerade durch die künstlerische Überhöhung - ihre fragwürdige ethische Strahlkraft zum Vorschein gebracht wird (siehe: Facebnb, Gold ist nicht alles Gold, was glänzt).

Harnischs künstlerisches Reflexionsfeld basiert auf der Erkenntnis, dass die Kritikfähigkeit quasi jedes Menschen auf der Grundlage von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, die im Austausch mit spezifischen Milieus ausgeformt werden, geprägt ist, weshalb sie sich als Künstlerin insbesondere mit fragwürdigen Epistemen lokaler Kunstmilieus, aber auch des globalen Kunstfeldes beschäftigt, deren Mechanismen sie oftmals als karikativ entlarvt (siehe: wear&tear). Sie betrachtet also nicht die Kunst in der Gesellschaft, sondern die Eigenheiten der Gesellschaft der Kunst in der Gesellschaft.

 

Regeln - ob internalisiert oder nicht - sind die Voraussetzung jedes Systems, sozusagen konstituierend für ihre Existenz, da sie Relationspunkte der eigenen Verhaltensweisen darstellen und Akteurinnen und Akteure demnach einen Raum an Möglichkeiten offenbaren, der, je nach habitueller Prägung, eine zwar ähnliche, aber dennoch besondere Ausformung annehmen kann - lediglich mit Dispositionen, die innerhalb des eigenen Vorstellungshorizonts liegen (siehe: Maske 2.0).

Regeln werden befolgt, wenn sie auf einem normativen Wertesystem basieren, das auf der Grundlage von Disziplinierungsmechanismen fußt: Parke ich mein Auto falsch, muss ich mit einem Strafzettel und dem daraus resultierenden Bußgeld rechnen. Trage ich während einer Pandemie keine normierte Atemschutz-Maske oder trage sie verkehrt, widersetze ich mich einer Vorschrift. Es ist nicht so, dass ich bei jedem Versuch falsch zu parken, mit einem Strafzettel unter dem Scheibenwischer überrascht werde, doch reicht die Wahrscheinlichkeit der sich in die Tat umsetzenden Möglichkeit schon aus, den Regeln der Vernunft zu folgen, die im Grunde mit den Grundrechten und Staatsgesetzen eines Landes übereinstimmen müssen.

 

Franziska Harnisch geht es hierbei wohl vor allem um die aus wirtschaftlichen und politischen Paradigmen hervorgegangenen gesellschaftlichen Werte und Normen, die uns zwar alle, als Bürgerinnen und Bürgern eines Sozialstaates, aktiv betreffen, aber meist schon so normativ verinnerlicht sind, dass sie ganz und gar unbewusst befolgt werden.

Kulturelle Praktik - im Sinne einer sozialen Praktik - die derartige Prägungen offenbart, ist die Sprache, die in diesem Zusammenhang weniger ein bloßes Kommunikationsmittel als einen Träger von Machtverhältnissen darstellt (siehe: Absagetool). Ebenso lassen sich diese verinnerlichten Paradigmen in der Konzeption und Ästhetik einer Vielzahl der für den Massenmarkt produzierten kulturellen Erzeugnisse wiederfinden. Warenästhetik kann viel über die Erzeugerinnen und Erzeuger und ihre Lebensverhältnisse erzählen. Der Philosoph Ernst Cassirer erkannte schon in den 1920er Jahren, dass Kunstwerke beziehungsweise, allgemeiner gefasst, Kulturprodukte als symbolische Formen begriffen werden können, deren Analyse ebenso Aufschluss über die systemischen Bedingungen der sozialen Entstehungsräume liefern kann (siehe: Portfolio, Mein großes Börsenmalbuch, STAND / Kunstauflösung).

 

Das, was Michel Foucault Bio-Macht nannte - und das mittlerweile allgemeiner als Biopolitik beschrieben wird - fasst genau die Regulierungsmechanismen von (wirtschaftlichen und politischen) Machtinhabenden zusammen. Diese zielen nicht mehr nur auf den Einzelnen, sondern auf die ganze Bevölkerung ab - die Bevölkerung als Biomasse - und bilden zum einen die Grundlage für die Optimierung der Lebensstrukturen und täglichen Abläufe und Routinen, zum anderen leisten sie aber auch einen großen Beitrag zur Normierung einer Gesellschaft.

Die Frage danach, was eine Bevölkerung ist, hat im Zusammenhang mit dieser Entwicklung einen Twist erfahren, denn es reicht nicht mehr, eine Bevölkerung ihrer bloßen Quantifizierbarkeit wegen als eine zusammengehörige Gruppe von ‘80 Millionen Menschen’ zu benennen; vielmehr geht es um die biologischen Prozesse und Gesetze, die die Menschen durchdringen, ihr Verhalten kontrollierbar und ihren Zustand messbar machen. Es geht ganz klar darum, das Leben auf eine bestimmte Art und Weise zu organisieren (siehe: S-Bahn-Surfer, Mein Blick). Foucault diagnostiziert bei westlichen Gesellschaften eine Verschiebung der Machtstrukturen, die sich im Gleichflug mit neuen Technologien und bestimmten Etappen des gesellschaftlichen Wandels herausgebildet hat.

 

So wäre es eine naheliegende Behauptung, dass Franziska Harnisch mit dem Einsatz partizipativer Methoden grundlegend darauf aus ist, ihre Mitmenschen nicht als romantisch verklärte Individuen mitzudenken, sondern dafür zu sensibilisieren, dass sie als reale Akteur:innen in dynamischen Systemen, wo sie zwar im Treiben der Masse untergehen, immer noch in ihrer Funktion als Einzelteil mit jeweiliger Bedeutung, einen Spielraum besitzen, dessen Gestaltung sie sogar fast gänzlich in ihrer eigenen Hand haben (siehe: Wikipedia me!).

 

Vergessen werden darf bei einer Erzählung von den Stationen der Vergemeinschaftung und Herausbildung eines Volkes - als Gefühl und ästhetische Form - allerdings nicht die zunehmende Vernetzung durch Telekommunikationsmedien (siehe: was kann ich für sie tun).

Die Einführung neuer Technologien darf als strategische Abhängigkeit eingestuft werden, derer wir unterworfen sind, sobald gesellschaftliche Normierungen auf jenen Technologien aufbauen. Diese Art von Aushandlungsprozessen offenbart eine weitere Abhängigkeit, nämlich die von Politik und Wirtschaft, denn durch die im westlichen Handelsraums etablierte Logik der freien Marktwirtschaft, die in allen Gesellschaftsschichten epistemisch wirkt, bestimmt die Nachfrage das Angebot. Andersherum lenkt der immer noch spukende Geist der Moderne die Entwicklungsvorhaben von westlichen Staaten, wodurch die Nachfrage, ganz unbemerkt, mit dem Angebot abgestimmt wird.

 

So geschehen mit der nunmehr globalen digitalen Vernetzung durch den Ausbau des Internets und die daraus folgende Ausrichtung vieler normierter gesellschaftlicher Handlungsfelder auf webbasierte Anwendungen, deren Nutzung mit bestimmten Endgeräten verknüpft ist, die sowohl für den Arbeitskontext als auch für die Freizeitgestaltung produziert wurden und - um noch eine sehr wichtige Eigenschaft zu nennen - immer mobiler und handlicher daherkommen. Das hat zur Folge, dass Nutzerinnen und Nutzer nahezu jeder Zeit online sein können (siehe: with the stream). Mittlerweile hinterlassen wir so, in einer flächendeckend mediatisierten Welt, fast überall digitale Spuren - beim Online-Shopping, Video-Streaming oder Messaging. Man könnte also sagen, dass unserer Lebenswelt eine weitere Dimension hinzugefügt wurde, die Veränderungen für soziale Praktiken und zudem auch gänzlich neue soziale Praktiken hervorgebracht hat. Durch die Dialektik zwischen physischer Distanz und virtueller Nähe haben sich mitunter toxische Spielarten zwischenmenschlicher Kommunikation herausgebildet (siehe: Impulsive Likekultur).

 

Foucaults Analyse lässt sich insbesondere auf Überwachungsmechanismen beziehen, die mit einer steigenden digitalen Abhängigkeit der Bevölkerung immer undurchsichtiger und gleichzeitig feingliedriger geworden sind, was paradoxerweise im krassen Widersatz mit der suggerierten digitalen Anonymität steht, deren Annahme durch die oben erwähnte physische Distanz immer noch im Unterbewusstsein vieler Menschen schlummert.

Gehen wir von Staaten aus, die sich dem ökonomischen globalen Wettbewerb verschrieben haben, könnten zwei Arten von Überwachung unterschieden werden. Die eine ist die Überwachung durch den Staat selbst, die vorrangig zur “Verbesserung des Lebens” aller Bürger:innen dient und entweder durch Disziplinierungsbestrebungen in Form von Gesetzesanpassungen, ethische Kampagnen etc. provoziert wird, oder, im Falle der Sicherheitsbewahrung, nach dem panoptischen Prinzip funktioniert, wonach Macht hauptsächlich indirekt ausgeübt wirkt, indem den Bürgerinnen und Bürger das Gefühl vermittelt wird, sie könnten jederzeit überwacht werden, obwohl dies nicht der Fall ist.

Die andere Form der Überwachung ist eine durch die Privatwirtschaft hervorgegangene und nutzt den Warenfetischismus der Konsumentinnen und Konsumenten schamlos aus. Hierbei geht es vor allem darum, ganz aktiv Informationen über die Kundinnen und Kunden sammeln, um daraus Schlüsse über das Kaufverhalten ziehen zu können. Begünstigt durch die immer noch sehr lückenhaften Digitalgesetze vieler Staaten haben Unternehmen die Möglichkeit, abseits von ethischen Überlegungen, ungeniert Daten zu sammeln. Ebenso scannen Firmen, wie Google, unsere Lebenswelt bis ins kleinste Detail. Der Vorwand ist die Vermessung der Erde, die selbstredend logistische Vorteile mit sich bringt, wofür aber auch - und das wird leicht vergessen - ungefragt persönliche Informationen gesammelt und sogar veröffentlicht werden, denn wer kommt tatsächlich auf die Idee sich dagegen zu wehren, dass sein Wohnhaus von einem Google Scanner erfasst wird (siehe: Komm nicht vom Weg ab)?

Die Bereitwilligkeit und Unbeschwertheit, mit der Kundinnen und Kunden diese Daten zur Verfügung stellen - was meist auch aus Unwissenheit passiert - macht deutlich, wie unaufgeklärt und naiv ein Großteil der Bevölkerung im Umgang mit dem so genannten Datentracking ist und wie mächtig private Unternehmen dadurch geworden sind (siehe: Ich1-n). An dieser Stelle wird offensichtlich, wie sich Wirtschaft und Politik die Hand reichen und gegenseitige Assimilationsstrategien sowohl bei der Geschmacksbildung als auch bei Normierungsprozessen eine nicht zu verachtende Rolle spielen.

 

Franziska Harnisch nimmt sich mit ihren künstlerischen Projekten, die partizipativ konzipiert sind und durch persönliche Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirken, ganz bewusst ebendiesen problematischen Symptomen unserer komplexen Lebenswelt an, wobei sie, frei nach dem amerikanischen Philosophen John Dewey, die Kontinuität zwischen ästhetischem Bewusstsein und alltäglicher Erfahrung (durch Kunst) bei den Rezipientinnen und Rezipienten fördern möchte, um so für Absurditäten - seien sie problematisch oder nicht - zu sensibilisieren.

 

 

1 Bourdieu, Pierre: Sozialer Raum, symbolischer Raum, in: Dünne, Jörg; Günzel, Stephan (Hg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2012, S. 355.

(Felix Koberstein, Kunsthistoriker und Kurator, 2021)