Handlungsräume

Das unabgeschlossene Werk von Franziska Harnisch.

Always Beta“ (auch „perpetual beta“) nennt man im User Experience Design die ständige Verbesserung, Erweiterung, Verfeinerung von digitalen Applikationen. Always Beta verweigert den Abschluss, Always Beta verweigert den Schlussstein, es ist das Gegenteil des Monuments, es ist das Gegenteil der dritten Schicht Gemäldefirnis. Programme sind heute immer Betaversionen, werden von Entwickelnden stets als offenes, sich verbesserndes System begriffen. Zentral ist, Nutzende nicht als klassische Endverbrauchende sondern als Mitentwickelnde zu begreifen: Partizipation prägt Produkte.

Dieses Lebensgefühl des Nicht-Endgültigen begleitet uns im Trommelfeuer der Push-Mitteilungen. Ich benutze diese Denkfigur, um dem Werk von Harnisch habhaft zu werden. Die Künstlerin in die reine, modische Schublade des „Digitalen“ zu stecken wäre zu einfach. In seiner Vielseitigkeit verorte ich es vorsichtig als ein Werk, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, systemimmanente Denkstrukturen offenzulegen.

Harnischs ästhetische Praxis legt fest: Nichts ist fertig. Nichts ist abgeschlossen. Und weiter: Kaum etwas ist wirklich Werk, denn alles ist Praxis. Alles rekurriert irgendwie auf die Handlung als künstlerische Handschrift. Handlung ist hier weit gefasst. Viel mehr als nur Aktion oder Performance. Der Begriff wird gedehnt. Handeln ist Sein. Es ist Anwesenheit real und digital. Und Handeln ist letztlich auch: Der Handel mit etwas.

Dabei muss die Handlung nicht die eigene sein. Ihre Ergebnisse? Performances, Lesungen, digitale Partizipationsformate, Beratungsangebote von eingeladenen Experten. Alles im Fluss, gemorpht, mit den Händen schwer greifbar. Ihre Artefakte: Geronnene Handlungen oder Handlungsanweisungen: Kartenspiele (spielt!), Kleidung (tragt!), Ausschreibungen (zeigt!) Malbücher (malt!) Stickerhefte (klebt!)

Hier sind Themen miteinander verzahnt. Was ist ein Werk? Was ist ein Werk im Internetzeitalter? Wie entwickelt sich die Sichtbarkeit eines Werkes? Wie entwickelt sich um diese Sichtbarkeit dann ein Diskurs? Wer bestimmt eigentlich was sichtbar wird? Und letzten Endes: Was bedeutet es, Künstler*in zu sein?

Diesen Fragestellungen widmet sich Harnisch auf subversive Weise. Scherzhaft und schmerzhaft landet man bei den Fragestellungen der Kunstproduktion als solcher.

So spielt sie immer wieder mit den kunstimmanenten Strukturen der Abwertung und Aufwertung, von Sichtbarmachung, Präsenz und Entnennung: Ein explizites Material ist der „open call“, also der Aufruf an Künstler*innen zur Bewerbung um Ausstellungen und Förderungen.

Harnisch macht sich hier selbst mit beachtlichem Aufwand immer wieder zur Institution, hintergeht die Grenzen von Künstler*innen und Kurator*innen. Unermüdlich betreibt sie Schau- und Arbeitsräume. Damit bietet sie Künstler*innen den Weg in die Öffentlichkeit, bricht aber auch häufig mithilfe ironischer Gesten die Regeln des Spiels. Die Frage danach, wer über die Sichtbarkeit von Kunstschaffenden entscheidet, wird von ihr hintergangen.

Dabei scheut sie in ihrer Konsequenz auch nicht, den Finger in die eigene Wunde zu legen. So bot sie mit „Stand“ einen Wochenmarktstand für Künstler*innen an, die ihre Kunst aufgegeben haben. Ehemalige Kunstschaffende versteigerten Arbeitsmaterial, unfertige und aufgegebene Arbeiten. Sie gaben damit sehr persönlich ihre Herausforderungen, ihre Lebensentwürfe und auch ihr Scheitern preis – Faktoren, die im Erfolgssystem Kunstmarkt mit hochgepumpten CVs nicht existieren dürfen.

Konsequenterweise geht sie ihren konzeptuellen Weg selbst auch bis an sein bitteres Ende mit. Bei der letzten Veranstaltung der Aktion „Stand“ löste sie sich selbst auf, verscherbelte Entwürfe und brachte Material unter den Hammer. Dass die Präzision der Künstlerin scharf ist wie die Spitze eines Mauszeigers (manche werden sich erinnern) zeigt sich auch in der Arbeit „wear & tear (2021). Hier wird Fake-Merchandise entwickelt, das die Situation von Künstler_innen in ihrer Abhängigkeit vom Förder- und Szenedschungel thematisiert. „Ich freue mich jedes Jahr darauf, mich bei GOLDRAUSCH zu bewerben“ ziert als Slogan eine Tasche, „too old to be BERLIN MASTERS“ eine Baseballcap. „Artist to watch“ prangt als Stickschrift auf der Gesäßpartie einer Jogginghose.

Die Arbeit spielt mit der eigenen Einbettung in ein System das wie kaum ein Zweites Gewinnende und Verlierende teilt und anhand manchmal arbiträrer Alters-, Regionen-, und Szenekategorien segmentiert. Der Titel eröffnet doppeldeutige Spielräume. Zwischen „Tragen & Weinen“, „Tragen & Zerreißen“ oder sogar „Tragen & Einreißen“ im Sinne eines „tearing down“ verweist er auf künstlerische Gefühle von Unzulänglichkeit genauso wie auf ein aggressives „Jetzt erst Recht“: Auch Verzweiflungs-Taten sind Handlungen. Für unbeteiligte Passanten*innen gehen sie als weiterer Fashion-Slogan im Mahlstrom der Berliner Stadtszenen einfach unbemerkt unter: Inside-Jokes über Insider-Systeme. Damit lösen sie sich auf im öffentlichen Raum mit seinen Sicht- und Unsichtbarkeiten.

„Als öffentlicher Raum (auch öffentlicher Bereich) wird ein räumlicher Zusammenhang bezeichnet, welcher aus einer öffentlichen Verkehrs- oder Grünfläche und den angrenzenden privaten oder öffentlichen Gebäuden gebildet wird; der öffentliche Raum steht dem privat genutzten und besessenen Raum gegenüber.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Öffentlicher_Raum) Das passt gut. Denn die Praxis von Franziska Harnisch verläuft immer auch entlang der Feldlinien öffentlicher Räume: Des physischen öffentlichen Raumes und des Internets. In immer neuen Querschnittsarbeiten macht sie die Parallelität dieser zwei völlig unterschiedlicher Formen öffentlicher Denk- und Kommunikationsräume sichtbar, schiebt spielerisch Handlungsräume hin und her. Denn online ist alles eine Verkehrsfläche. Längst haben wir den Glauben an das Private im Web verloren. Beide Räume ähneln sich auch in ihrer Nutzung: Wo irgendmöglich ist jedes Fleckchen durchkommerzialisiert.

Logischerweise spielt für die Werke die Evidenz des Haptischen eine besondere Rolle. Nachdigitale Erfahrungsräume entstehen wo man mit den Sinnen forscht die nicht nur visuell und auditiv sind. Eine besondere Form der Haptik entsteht im spielerischen Umgang mit Materialien und dem Raum. In „Public Peel Off (2021)“ verarbeitete die Künstlerin Elemente des öffentlichen Raumes direkt in haptischen, handhabbare Brocken. So schärfte sie die Wahrnehmung ihres Publikums durch dezente Eingriffe. Mit genauem Auge fotografierte sie interessante Strukturen, Muster oder Schilder. Diese wurden dann als Aufkleber reproduziert und an den ursprünglichen Ort zurückgeführt. Diese besondere Betrachtungsweise, die förmliche An-Eignung machte die Künstlerin aber nicht nur ihrer eigenen künstlerischen Feldforschung zunutze: Typischerweise bezog sie auch das Publikum mit ein.

Interessierte Menschen konnten ein der Aktion zugehöriges Stickeralbum erwerben und an den Orten in Marl, Herne oder Haltern am See die Aufkleber, die den künstlerischen Transformationsprozess durchlaufen hatten, sammeln. Harnisch übertrug Web-Prinzipien auf den öffentlichen Raum: Copy und Paste sind uns in Fleisch und Blut übergegangen. Die örtlichen Gegebenheiten

aber auch ihre spezielle künstlerische Wahrnehmung – das höchste Gut der Kunstschaffenden, wurde kopiert, eingefügt und durch die Partizipierenden transformiert. Nicht umsonst typisiert das Online-Marketing die Interatkionsformen von Internetusern unter Anderem in „Collectors“ und „Spectators“ – also User*innen, die interessante Inhalte sammeln oder Nutzer*innen, die zum Beispiel sich entfaltenden Diskussionen nur zusehen, statt dazu beizutragen.

Harnisch hintertreibt mit dieser Arbeit etablierte Marktsysteme von Exklusivität und Erhabenheit. Sie teilt ihre Wahrnehmung, zieht sich aber hinter die Wahrnehmung ihres Publikums zurück und lässt zu, dass die Betrachtenden ihre Wahrnehmung des öffentlichen Raums als Anstoss für eigene Bewusstseinsveränderungen nehmen.

 

In „Impulsive Leitkultur (2021) zeigt sich auch die formale Flexibilität im Werk der Künstlerin: Für fatale Statements zum Leben in sozialen Netzwerken wählt sie hier die Form eines Kartenspiels. Nach dem Zufallsprinzip vergibt dieses Spiel Imperative zum Umgang mit der eigenen Online-Präsenz. So kann der anonyme Kartenstapel verlangen, der ersten Person im Newsfeed zu entflogen oder eine bestimmte Email zu iognorieren. Inhaltlich bilden die Karten die arbiträren Entscheidungen unverständlicher und intransparenter Algorithmen ab. Für manche Menschen haben Tarotkarten eine ähnliche Macht. In der Gestaltung an

die Designs von Google und facebook angelehnt, geben sie der digitalen Mystik, der „höheren Ordnungsmacht“ eine formale Entsprechung.

Wie beendet man nun einen Text, der immer aktuell sein soll, über Arbeiten die sich selbst ständig aktuell fortsetzen in einem Katalog, der mit der Zeit ständig aktualisiert wird? Es bleibt nur, im Sinne der Künstlerin die Leserschaft einzubinden. Mir als Autor war es vergönnt, über den Digitalen Raum zu schreiben. Über den Öffentlichen Raum zu schreiben und wie die Künstlerin diese Räume miteinander verschränkt. Vielleicht muss dieser Text korrigiert, gestrichen, umgeschrieben werden. Mehr als Ihnen diese Betaversion auszuhändigen kann ich nicht tun. Den Rest müssen Sie selbst erledigen, denn ich schenke Ihnen an dieser Stelle Ihren eigenen Raum im Werk der Künstlerin.

Und zwar den

Raum für Ihre Notizen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Aaron Rahe, Künstler, 2021)